BRIEF. Die Figur zielt auf die besondere Dialektik des Liebesbriefes ab, der leer (codiert) und zugleich expressiv ist (von dem Bedürfnis getragen, das Verlangen mitzuteilen).
[...] Was bedeutet dieses "an jemanden denken"? Es bedeutet: ihn vergessen (ohne Vergessen ist kein Leben möglich) und aus diesem Vergessen wieder und wieder erwachen. Viele Dinge führen dich durch Assoziation in meinen Diskurs ein. "An dich denken" will nichts anderes besagen als diese Metonymie. Denn an sich ist dieses Denken leer: ich denke dich nicht, ich lasse dich einfach wiederauftauchen (in eben dem Maße, wie ich dich vergesse). [...]
Aber der Brief hat für den Liebenden keine taktische Bedeutung: er ist rein expressiv - im äußersten Falle schmeichlerisch (aber die Schmeichlerei ist hier durchaus nicht eigennützig: sie ist lediglich die Sprache der Hingabe). [...]
Als Begierde, die er ist, erwartet der Liebesbrief eine Antwort; er erlegt dem Anderen implizit die Verpflichtung auf zu antworten, und in Ermangelung einer Antwort wandelt sich dessen Bild, wird anders. Eben das erklärt mit Bestimmtheit der junge Freud seiner Verlobten:"Aber ich will nicht immer ohne Antwort schreiben und alsbald aufhören, wenn Du mir nicht erwiderst. Beständige Selbstgespräche über ein geliebtes Wesen, denen die Korrektur und Auffrischung durch dieses selbst fehlt, führen zu falschen Meinungen über das gegenseitige Verhältnis und zur Entfremdung, wenn man einmal zusammenkommt und es anders findet, als man ohne Gewähr geglaubt hatte."
(Wer die "Ungerechtigkeiten" der Kommunikation hin nähme, wer auch weiterhin sanft spräche, zärtlich, ohne dass er eine Antwort erhielte, machte sich eine meisterhafte Fähigkeit zu eigen: die der Mutter.)
r.barthes
Dienstag, 21. April 2015
Sonntag, 19. April 2015
Der Abwesende II
3. Manchmal gelingt es mir, die Abwesenheit leidlich zu ertragen. Ich bin dann "normal"; ich richte mich nach der Art und Weise, wie "jedermann" die Trennung von einer "teuren Person" erträgt; ich unterwerfe mich sachkundig der Dressur, mittels derer man sich sehr früh an die Abwesenheit der Mutter gewöhnt hat -was gleichwohl anfangs nicht aufhörte schmerzlich zu sein (um nicht zu sagen: beängstigend). Ich handele als ordentlich entwöhntes Kind; wartend weiß ich mich von anderen Dingen zu ernähren als von der Mutterbrust.
Diese leidlich ertragene Abwesenheit ist nichts anderes als das Vergessen. Ich bin gelegentlich untreu. Das ist die Bedingung meines Überlebens; denn wenn ich nicht vergäße, stürbe ich. Der Liebende, der nicht manchmal vergisst, stirbt an Maßlosigkeit, Ermattung und Gedächtnisüberreizung (wie Werther).
4. Aus diesem Vergessen erwache ich sehr rasch. Eilends lasse ich eine Erinnerung, eine Verwirrung an seine Stelle treten. Vom Körper rührt ein (klassisches) Wort her, das das Gefühl der Abwesenheit zum Ausdruck bringt: sehnen: "sich nach der leiblichen Gegenwart sehnen". [...] Bei Abwesenheit des Geliebten bin ich, trübselig, ein abgelöstes Bild, das vertrocknet, vergilbt und wieder schrumpelig wird. [...]
Die Abwesenheit ist die Figur der Entbehrung; ich begehre und brauche in ein und demselben Atemzug. Die Begierde bricht sich am Bedürfnis: eben das ist der quälende Zug des Liebesgefühls. [...]
7. Ich nehme allein in einem Café Platz; man eilt zu meiner Begrüßung herbei; ich fühle mich von Menschen umgeben, nach meinen Wünschen gefragt, umworben. Der Andere aber ist abwesend; ich beschwöre ihn mir selbst herauf, damit er mich von jener Willfährigkeit der Welt gegenüber bewahrt, die mir auflauert. Ich berufe mich auf seine "Wahrheit" (die Wahrheit, deren Gefühl er mir vermittelt) gegen die Verführungshysterie, in die ich mich hineintreiben fühle. Ich mache die Abwesenheit des Anderen für meine Weltverfallenheit verantwortlich. [...]
r. barthes
picture/sculpture: Simon Hitchens "In the Presence of Absence II"
Diese leidlich ertragene Abwesenheit ist nichts anderes als das Vergessen. Ich bin gelegentlich untreu. Das ist die Bedingung meines Überlebens; denn wenn ich nicht vergäße, stürbe ich. Der Liebende, der nicht manchmal vergisst, stirbt an Maßlosigkeit, Ermattung und Gedächtnisüberreizung (wie Werther).
4. Aus diesem Vergessen erwache ich sehr rasch. Eilends lasse ich eine Erinnerung, eine Verwirrung an seine Stelle treten. Vom Körper rührt ein (klassisches) Wort her, das das Gefühl der Abwesenheit zum Ausdruck bringt: sehnen: "sich nach der leiblichen Gegenwart sehnen". [...] Bei Abwesenheit des Geliebten bin ich, trübselig, ein abgelöstes Bild, das vertrocknet, vergilbt und wieder schrumpelig wird. [...]
Die Abwesenheit ist die Figur der Entbehrung; ich begehre und brauche in ein und demselben Atemzug. Die Begierde bricht sich am Bedürfnis: eben das ist der quälende Zug des Liebesgefühls. [...]
7. Ich nehme allein in einem Café Platz; man eilt zu meiner Begrüßung herbei; ich fühle mich von Menschen umgeben, nach meinen Wünschen gefragt, umworben. Der Andere aber ist abwesend; ich beschwöre ihn mir selbst herauf, damit er mich von jener Willfährigkeit der Welt gegenüber bewahrt, die mir auflauert. Ich berufe mich auf seine "Wahrheit" (die Wahrheit, deren Gefühl er mir vermittelt) gegen die Verführungshysterie, in die ich mich hineintreiben fühle. Ich mache die Abwesenheit des Anderen für meine Weltverfallenheit verantwortlich. [...]
r. barthes
picture/sculpture: Simon Hitchens "In the Presence of Absence II"
Samstag, 18. April 2015
"Anbetungswürdig!"
Ich begegne in meinem Leben Millionen von Leiber; von diesen Millionen kann ich nur einige Hundert begehren; von diesen Hunderten aber liebe ich nur einen. Der Andere, dem meine Liebe gilt, bezeichnet mir die Besonderheit meines Verlangens.
Diese Wahl, die so streng ist, dass nur der Eine, Einzige übrig bleibt, macht, sagt man, den Unterschied der analytischen und der liebenden Übertragung aus; die eine ist universal, die andere spezifisch. Es hat vieler Zufälle, vieler überraschender Koinzidenzen bedurft (und wahrscheinlich vielen "Suchens"), bis ich das Bild finde, das unter tausend anderen, meinem Verlangen entspricht. Da liegt ein tiefes Rätsel verborgen, für das ich den Schlüssel niemals auffinden werde: warum begehre ich gerade Ihn? Warum begehre ich ihn unablässig, sehnend? Begehre ich ihn als Ganzes (eine Silhouette, eine Form, ein Gesichtsausdruck)? Oder nur einen Teil dieses Körpers? Und was ist in diesem Falle dazu ausersehen, an diesem geliebten Körper für mich zum Fetisch zu werden? Welcher vielleicht unglaublich kleine Teil, welche unwesentliche Eigenschaft? Die Kuppe eines Fingernagels, ein etwas abgeschrägter Zahn, eine Haarsträhne, eine bestimmte Art, beim Reden, beim Rauchen die Finger zu spreizen? Von allen diesen Falten des Körpers gelüstet es mich zu sagen, dass sie anbetungswürdig sind. Anbetungswürdig soll heißen: das ist meine Begierde, soweit sie je einzelne Begierde ist:"Das ist es! Genau das ist es (was ich liebe)!" Dennoch, je deutlicher ich die Besonderheit meiner Begierde erlebe, um so weniger kann ich sie benennen; der Präzision der Zielscheibe entspricht ein zitterndes Schwanken des Namens; das Eigentümliche der Begierde kann nur die Uneigentlichkeit der Aussage hervorbringen. Von diesem sprachen Misslingen bleibt lediglich eine Spur erhalten: das Wort "anbetungswürdig" (die treffende Übersetzung wäre das lateinische ipse: er ist es, er selbst, in Person).
text: roland barthes
bild: hugh douglas hamilton "cupid and psyche"
Diese Wahl, die so streng ist, dass nur der Eine, Einzige übrig bleibt, macht, sagt man, den Unterschied der analytischen und der liebenden Übertragung aus; die eine ist universal, die andere spezifisch. Es hat vieler Zufälle, vieler überraschender Koinzidenzen bedurft (und wahrscheinlich vielen "Suchens"), bis ich das Bild finde, das unter tausend anderen, meinem Verlangen entspricht. Da liegt ein tiefes Rätsel verborgen, für das ich den Schlüssel niemals auffinden werde: warum begehre ich gerade Ihn? Warum begehre ich ihn unablässig, sehnend? Begehre ich ihn als Ganzes (eine Silhouette, eine Form, ein Gesichtsausdruck)? Oder nur einen Teil dieses Körpers? Und was ist in diesem Falle dazu ausersehen, an diesem geliebten Körper für mich zum Fetisch zu werden? Welcher vielleicht unglaublich kleine Teil, welche unwesentliche Eigenschaft? Die Kuppe eines Fingernagels, ein etwas abgeschrägter Zahn, eine Haarsträhne, eine bestimmte Art, beim Reden, beim Rauchen die Finger zu spreizen? Von allen diesen Falten des Körpers gelüstet es mich zu sagen, dass sie anbetungswürdig sind. Anbetungswürdig soll heißen: das ist meine Begierde, soweit sie je einzelne Begierde ist:"Das ist es! Genau das ist es (was ich liebe)!" Dennoch, je deutlicher ich die Besonderheit meiner Begierde erlebe, um so weniger kann ich sie benennen; der Präzision der Zielscheibe entspricht ein zitterndes Schwanken des Namens; das Eigentümliche der Begierde kann nur die Uneigentlichkeit der Aussage hervorbringen. Von diesem sprachen Misslingen bleibt lediglich eine Spur erhalten: das Wort "anbetungswürdig" (die treffende Übersetzung wäre das lateinische ipse: er ist es, er selbst, in Person).
text: roland barthes
bild: hugh douglas hamilton "cupid and psyche"
Der Abwesende
1. Es gibt ungezählte Lieder, Volksweisen und Chansons über die Abwesenheit des geliebten Partners. Und doch ist diese klassische Figur im Werther nicht zu finden. Der Grund dafür ist einfach: hier rührt sich das Liebesobjekt (Lotte) nicht von der Stelle; das liebende Subjekt (Werther) ist es, das sich zu einem bestimmten Zeitpunkt entfernt. Nun gibt es aber keine andere Abwesenheit als die des Anderen: Der Andere macht sich davon, ich bleibe da. Der Andere ist im Zustand immerwährenden Aufbruchs, im Zustande der Reise; er ist, seiner Bestimmung nach, Wanderer, Flüchtiger; ich, der ich liebe, bin meiner umgekehrten Bestimmung nach sesshaft, unbeweglich, verfügbar, in Erwartung, an Ort und Stelle gebannt, nicht abgeholt wie ein Paket in einem verlassenen Bahnhofswinkel. Die Abwesenheit des Liebenden geht nur in eine Richtung und lässt sich nur aus der Position dessen aussprechen, der dableibt - nicht von dem, der aufbricht: das immer gegenwärtige ich konstituiert sich nur angesichts eines unaufhörlich abwesenden du. Die Abwesenheit aussprechen heißt von vornherein die Behauptung aufstellen, dass der Platz des Subjekts und der Platz des Anderen nicht austauschbar sind; es heißt: "Ich werde weniger geliebt, als ich selbst liebe."
2. Historisch gesehen wird der Diskurs der Abwesenheit von der Frau gehalten: Die Frau ist sesshaft, der Mann ist Jäger, Reisender; die Frau ist treu (sie wartet), der Mann ist Herumtreiber (er fährt zur See, er "reißt auf"). Es ist die Frau, die der Abwesenheit Gestalt gibt, ihre Fiktion ausarbeitet, denn sie hat die Zeit dazu; sie webt und singt; die Spinnerinnen, die Webstuhllieder sprechen gleichzeitig die Immobilität (durch das Surren des Spinnrades) und die Abwesenheit aus (die Reiserhythmen in der Ferne, die Meeresdünungen, die Ausritte). Daraus folgt, dass bei jedem Manne, der die Abwesenheit des Anderen ausspricht, sich Weibliches äußert: dieser Mann, der da wartet und darunter leidet, ist auf wundersame Weise feminisiert. Ein Mann ist nicht deshalb feminisiert, weil er invertiert ist, sondern weil er liebt.
roland barthes, fragmente einer sprache der liebe
2. Historisch gesehen wird der Diskurs der Abwesenheit von der Frau gehalten: Die Frau ist sesshaft, der Mann ist Jäger, Reisender; die Frau ist treu (sie wartet), der Mann ist Herumtreiber (er fährt zur See, er "reißt auf"). Es ist die Frau, die der Abwesenheit Gestalt gibt, ihre Fiktion ausarbeitet, denn sie hat die Zeit dazu; sie webt und singt; die Spinnerinnen, die Webstuhllieder sprechen gleichzeitig die Immobilität (durch das Surren des Spinnrades) und die Abwesenheit aus (die Reiserhythmen in der Ferne, die Meeresdünungen, die Ausritte). Daraus folgt, dass bei jedem Manne, der die Abwesenheit des Anderen ausspricht, sich Weibliches äußert: dieser Mann, der da wartet und darunter leidet, ist auf wundersame Weise feminisiert. Ein Mann ist nicht deshalb feminisiert, weil er invertiert ist, sondern weil er liebt.
roland barthes, fragmente einer sprache der liebe
Dienstag, 23. Dezember 2014
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